Anreizstrukturen für den Austausch frailty-bezogener Informationen in der perioperativen Medizin im Rahmen eines integrierten IT-Ansatzes

In Deutschland werden jährlich ca. 16 Millionen Operationen durchgeführt, die Hälfte davon bei Patienten über 65 Jahre. Diese Patienten sind besonders häufig von Gebrechlichkeit (engl. “frailty”) betroffen – einem klinischen Zustand erhöhten medizinischen Risikos aufgrund eines altersassoziierten Rückgangs der Reserven und Funktionen mehrerer physiologischer Systeme. “Gebrechlichkeit” wird zunehmend als Bereich erkannt, der sowohl aus Sicht des einzelnen Patienten als auch für die Gesellschaft als Ganzes verstärkte Aufmerksamkeit verlangt. Ältere Patienten, die sich einer Operation unterziehen, sind tendenziell einem höheren Risiko ausgesetzt frailty-bezogene Komplikationen zu erleiden (z.B. kognitive Schäden augrund eines postoperativen Diliriums). Jedoch sind frailty-bezogene Daten bisher nicht vollständig in den perioparitiven Behandlungsprozess im klinischen Bereich integriert.

Für ärztliche Entscheidungen im Rahmen von Patientennarkosen sowie für ein adäquates Monitoring benötigen Intensivmediziner ein möglichst umfängliches Bild vom Status des Patienten und dessen individuellen Risiken. Selbst wenn diese Daten heute bereits (teilweise) in elektronischer Form vorliegen, sind diese doch zumeist verstreut über verschiedene IT-Systeme, die auf semantischer Ebene nicht integriert sind. Aus Sicht der Wirtschaftsinformatik lässt sich dieses Problem als “Stan­dar­di­sierungsdilemma” beschreiben. Dieses tritt auf, wenn Informationsaustausch zwischen verschiedenen internen und externen Einheiten wünschenswert wäre, dieser aber nicht eintritt, weil lokale Anreize im Widerspruch zu globalen Effizienzkritierien stehen. Dieses im Rahmen der Focus Area “DynAge” unterstützte Projekt kombiniert die beiden genannten Forschungsströme (Frailty und Ökonomie von Informations­sys­temen) um folgende Forschungsfragen zu adressieren: (1.) Wie kann Informations­technologie die Erfassung und Verarbeitung von patienten-/operationsbezogenen Daten im Rahmen der Risikoidentifikation und –stratifikation unterstützen? (2.) Mit welchen Akteuren werden aktuell und sollten perspektivisch frailty-bezogene Daten während des Behandlungs­prozesses ausgetauscht werden und wie sind die Anreizstrukturen der Akteure um dies (nicht) zu tun?

Im Rahmen der Studie erfolgt dabei eine Schwerpunktsetzung auf den perioperativen, intensivpflegerischen Bereich des Charité-Centrums für Anästhesiologie und Intensivmedizin. In einem ersten Schritt werden Interviews mit medizinischen Fachkräften durchgeführt um ausgehend davon eine Analyse der Bewegung von Frailty-Patienten zwischen den verschiedenen Klinikbereichen vorzunehmen. Danach werden finanzielle Hürden (z.B. Anpassung lokaler Routinen, Umstellungs-/Anpassungskosten für bestehende IT-Systeme, Ersetzung von Hardware und Infrastruktur) untersucht, die Akteure potentiell davon abhalten an einem elektronischen Datenaustausch teilzunehmen. Außerdem werden potentielle Vorteile für einzelne Akteure untersucht (z.B. Kosten- und Zeiteinsparungen, bessere Informationsqualität). Abschließend sollen diese Daten dabei helfen basierend auf Anreizverschiebungen erste “Was-wäre-wenn”-Analysen durchzuführen. Die Ergebnisse werden abschließend mit Domänenexperten diskutiert.

Durch die Schwerpunktsetzung auf einen frailty-bezogenen Datenaustausch und durch Rückgriff auf eine ökonomische Modellierung werden im Projekt altersassoziierte Prozesse direkt addressiert. Dies erfolgt indem die Struktur der frailty-bezogenen Datenaustausche aufgezeigt und die Anreizstrukturen der einzelnen Akteure innerhalb des Behandlungsprozesses untersucht werden. Dies hilft erstens dabei die Aufmerk­sam­keit auf die Bedeutung solcher Datenflüsse zu lenken und zweitens bei der Gestaltung von Behandlungsprozessen zu unterstützen, die dann über Informationssilos in einzelnen Bereichen hinausgehen und die berücksichtigen, welche Potentiale integrierter Informationssysteme für Patienten mit Gebrechlichkeit bieten.

Projektlaufzeit:

Ein Jahr (07/2016 – 06/2017)

Ansprechpartner:

Dr. Daniel Fürstenau

Prof. Dr. Martin Gersch

Projektbudget:

Forschungsmittel (Focus Area „DynAge“ - Exzellenzinitiative II) von Seiten der FU Berlin sowie der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Projektpartner:

PD Dr Felix Balzer (Charité Universitätsmedizin Berlin)

Prof. Dr. Claudia Spies (Charité Universitätsmedizin Berlin)

Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan (Charité Universitätsmedizin Berlin)

Competence Center E-Commerce
Digital Entrepreneurship Hub
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CCEC-Online
ECDF
Department Wirtschaftsinformatik