Kai Konrad und Marcel Fratzscher: "Die Zukunft der Eurozone"

Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) ihre vielfältigen Handlungsoptionen in Betracht ziehen und Länder mit Schuldenproblemen unterstützen oder allein dem Ziel der Preisstabilität treu bleiben? Wie sollte der laufende Prozess zur Schaffung einer krisenfesten Währungsunion gesteuert werden? Im Rahmen der öffentlichen Vorlesungsreihe zur Wirtschaftspolitik haben im Wintersemester 2013/14 zwei der einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftler Deutschlands Antworten auf diese und viele weitere Fragen kontrovers diskutiert.

 

Fotos: Frederic Schweizer

Prof. Dr. Marcel Fratzscher (Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung) ist ein Unterstützer der unkonventionellen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Prof. Dr. Kai Konrad (Direktor am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und öffentliche Finanzen) hingegen gilt als einer der bekanntesten Kritiker der derzeitigen Krisenpolitik EZB. Beide gehören zu den Sachverständigen, die das Bundesverfassungsgericht zu seiner Entscheidung über die EZB-Rettungspolitik gehört hat und zählen zu den einflussreichsten Ökonomen Deutschlands. Vor dem Hintergrund der fortwährenden Finanz-, Staatsschulden- und Wirtschaftskrise diskutierten die beiden gemeinsam mit ausgesprochen zahlreich erschienenen Studenten, Wissenschaftlern und Interessierten im Publikum unter der Moderation von Dr. Matthias Benz (Neue Zürcher Zeitung) das derzeitige geld- und finanzpolitische Krisenmanagement der EZB.

Marcel Fratzscher argumentierte, dass in den meisten Krisenländern der Eurozone der wirtschaftliche Tiefpunkt bereits erreicht wurde und von nun an eine Erholung des realen Bruttoinlandsproduktes zu erwarten sei. Diese positive Entwicklung würde insbesondere von den Fortschritten bei der Implementierung struktureller Reformen sowie von der stetigen Anpassung der Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsbilanzdefizite vorangetrieben. Zur wirtschaftlichen Erholung der Krisenländer habe die unkonventionelle Geldpolitik der EZB entscheidend mitgewirkt. Kai Konrad hingegen bezweifelte die positiven Wachstumsprognosen in den Krisenländern und warnte vor den langfristigen Folgen der derzeitigen Geldpolitik der EZB – darunter insbesondere vor einem Übergang zu einer monetären Staatenschuldenfinanzierung und somit zu einer Haftungsunion. Fehlender Reformdruck für Mitgliedstaaten der Eurozone, falsche Anreize für die Staatsverschuldung und eine Verlagerung der Kosten der Kreditwürdigkeit auf die Gemeinschaft seien die Folgen. Ein zweiter Maastricht-Vertrag als Instrument zur langfristigen Steuerung der Staatsfinanzen in der Eurozone sei ebenso unglaubwürdig wie es der erste war.

Auch Marcel Fratzscher bestritt nicht, dass die Euroländer weiterhin vor großen Herausforderungen stehen. Er argumentierte, dass die Beeinträchtigung des geldpolitischen Transmissionsmechanismus in den Krisenländern, die starke Fragmentierung der Finanzmärkte, die hohe Staatsverschuldung sowie das Risiko der Deflation mit höchster Priorität bewältigt werden müssten. Außerdem sprach er sich für eine politische Vertiefung der EU aus. Dafür sei die Übertragung von mehr Souveränität zur Stärkung gemeinsamer Institutionen erforderlich. Kai Konrad schilderte darüber hinaus drei konträre Szenarien für die mögliche zukünftige Entwicklung der Eurozone. So argumentierte er zunächst, dass die Fortführung der unkonventionellen Geldpolitik der EZB zwangsläufig zu einer Ausweitung der öffentlichen Schuldenlast führe, die wiederum eine weitere Umverteilung liquider Mittel erforderlich machen werde. In einem zweiten Szenario erläuterte er, wie anwachsender politischer Widerstand gegenüber der Krisenpolitik der EZB innerhalb der Mitgliedsstaaten der Eurozone zu einem allgemeinen Euro-Skeptizismus und somit zu einem Auseinanderdriften der Eurozone führen könnte. Im dritten möglichen Szenario, das er als „Wunder“ bezeichnete, begibt sich die Eurozone auf einen erfolgreichen Wachstumspfad.

Die verschiedenen Positionen und Zukunftsaussichten wurden auch vom Publikum mit den Diskutanten kontrovers diskutiert. Die Veranstaltung verdeutlichte eindrucksvoll, dass das Thema nachwievor brisant ist und Europa in der kommenden Zeit weiter beschäftigen wird.

 

 

Dieser Artikel ist auch im Online Magazin campus.leben der Freien Universität Berlin erschienen und kann unter folgendem Link aufgerufen werden.

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